Wie malt man Geschichte? Was Jérémie Queyras' Merkel-Porträt über Macht, Erinnerung und Porträtmalerei erzählt.
Detail: Jérémie Queyras: Angela Merkel, 2026. Photo Atelier Queyras
Es gibt Bilder, die halten einen Moment fest, und dann gibt es Bilder, die selbst Teil der Geschichte werden. Das neue offizielle Porträt von Angela Merkel für die Kanzlergalerie gehört zweifellos zur zweiten Kategorie. Seit seiner Enthüllung wird darüber diskutiert. Vielen fehlt die berühmte Merkel-Raute, andere wünschen sich mehr Pathos oder mehr Wiedererkennbarkeit, wieder andere fragen sich, warum das Gemälde gleichzeitig so zeitgenössisch und doch wie das Werk eines Alten Meisters wirkt. Uns hat beim ersten Blick etwas ganz anderes beschäftigt.
Wie malt man eigentlich einen Menschen, den fast jeder zu kennen glaubt?
Angela Merkel gehört zu den meistfotografierten Politikerinnen der Welt. Anders als von anderen mächtigen Personen, existieren von ihr bereits mehrere Millionen Bilder. Pressefotos, Fernsehbilder, Wahlplakate. Eigentlich müsste man meinen, dass ein weiteres Porträt kaum noch etwas Neues erzählen kann.
Genau das scheint Jérémie Queyras gereizt zu haben.
Dabei begann dieses Bild lange bevor überhaupt Farbe auf die Leinwand kam. Bereits 2022 schrieb er Angela Merkel einen Brief und schickte ihr einige seiner Arbeiten. Danach hörte er drei Jahre lang nichts. Erst Anfang 2025 erhielt er eine E-Mail mit der Einladung zu einem ersten Treffen. Aus diesem Treffen wurden Spaziergänge, Gespräche und schließlich mehr als zwanzig Sitzungen.
Für Queyras war diese gemeinsame Zeit entscheidend.
„Dieser lange und langsame Prozess des Malens hat es mir erlaubt, mehrere Facetten der gleichen Person auf dem Bild festzuhalten.“
Jérémie Queyras: Angela Merkel, 2026, Bode-Museum Berlin. Photo: Colette Conrad.
Dieser Satz verrät bereits viel über seine Vorstellung von Porträtmalerei. Ein gutes Porträt entsteht nicht durch den perfekten Augenblick, sondern durch Beobachtung. Durch Zeit und durch die Bereitschaft, den ersten Eindruck immer wieder zu hinterfragen. Vielleicht erklärt das auch, warum eines der bekanntesten Merkmale Angela Merkels auf diesem Bild fehlt. Natürlich haben wir, wie auch hundert andere Journalist:innen ihn gefragt, weshalb er bewusst auf die Merkel-Raute verzichtet hat und seine Antwort ist eindeutig.
„Es ging mir darum, das Porträt nicht symbolisch zu überladen.“
Was für eine spannende Formulierung. Denn kaum eine Politikerin wurde so sehr über ihre Bildsprache definiert wie Angela Merkel. Die Raute, die bunten Blazer, die zurückhaltende Mimik. All das wurde über die Jahre zu einer Ikone, zur festen Bildsprache und zu einem Logo, das für die, oft als ambivalente empfundene, Regierungszeit Merkels steht.
Genau diese Symbolik wollte Queyras durchbrechen.
„Ich glaube, die Raute hätte am Ende von dem Gesicht abgelenkt. Es ging mir darum, sie nicht als Figur mit all ihren Attributen, wie wir sie aus der Presse kennen, zu malen, sondern sie so zu zeigen, wie sie ist.“
Interessanterweise führt dieses "symbolische Entladen" nicht dazu, dass das Bild ohne Symbole auskommt, ganz im Gegenteil. Denn je länger man es betrachtet, desto deutlicher treten sie hervor. Angela Merkel sitzt nicht wie viele ihrer Vorgänger, sie steht. Auch das ist eine bewusste Entscheidung.
„Ich wollte einen kleinen Bruch wagen und sie als die aktive Politikerin darstellen, wie ich sie wahrgenommen habe.“
Jérémie Queyras: Studie Hände
Wer sich mit der Geschichte offizieller & herrschaftlicher Porträts beschäftigt, weiß, dass Haltung niemals zufällig ist. Seit Jahrhunderten erzählen Körperhaltungen etwas über Macht. Sitzen bedeutet Beständigkeit und Autorität, stehen dagegen wirkt aktiv, präsent und jederzeit handlungsfähig. Und selbst der Tisch neben Merkel erzählt eine Geschichte. In barocken Herrscherporträts lagen dort Kronen, Reichsäpfel oder Zepter. Sie machten sichtbar, worauf sich Macht gründete. Doch wie stellt man heute Macht dar? Einige Kritiker:innen scheinen sich einen Haufen Euroscheine, einen Asylantrag und ein Smartphone zu wünschen, doch finden sich Queyras' Gemälde stattdessen eine Aktenmappe und ein kleiner Briefbeschwerer in Form eines Würfels.
Als wir ihn auf diese kunsthistorischen Parallelen ansprachen, antwortete er fast bescheiden:
„Natürlich ist dieses Porträt nicht frei von kunsthistorischen Einflüssen.“
Vielleicht ist genau diese Zurückhaltung das Faszinierende an dem Bild. Es übernimmt die Bildsprache klassischer Herrscherporträts, ohne sie zu kopieren. Die Krone wird zur Aktenmappe und Repräsentation wird zu Verantwortung. Monarchische Macht verwandelt sich in demokratisches Regierungshandeln. Und seien wir ehrlich, was verkörpert die deutsche Bürokratie mehr als eine Jurismappe?
Dass Queyras kunsthistorisch denkt, zeigt sich auch an einer anderen Stelle. Schauen Sie mal genau hin. Es ist das Licht. Schon beim ersten Betrachten hatten wir das Gefühl, dass dieses Licht mehr tut, als den Raum auszuleuchten. Es modelliert das Gesicht, schafft Ruhe und lenkt den Blick fast unmerklich über das Bild. Auf unsere Frage danach verriet er:
„Ich habe mich für den Hintergrund von Vermeer inspirieren lassen. Ich hatte mir einige seiner Werke an die Atelierwand gepinnt.“
Plötzlich ergibt vieles Sinn. Vermeer verstand Licht nie als bloße Beleuchtung, es wurde bei ihm zum eigentlichen Erzähler eines Bildes. Auch stilistisch bewegt sich Queyras zwischen verschiedenen Traditionen. Wir sprachen ihn auf Lucian Freud und Francis Bacon an, deren Einfluss man in manchen seiner Arbeiten erahnen kann.
„Der Vergleich ist für mich ein Kompliment. Beide bewundere ich sehr als Künstler.“
Jérémie Queyras: Angela Merkel, 2026, Bode-Museum Berlin. Photo: Colette Conrad.
In einer Zeit, in der die Gegenstandlosigkeit regiert und die Abstraktion zur Norm wird, wollten wir wisssen, wieso sich Queyras trotzdem bewusst für eine gegenständliche Darstellung entschied.
„Bei Porträts ist es mir einfach wichtig, dass man den Menschen gut erkennt.“
Und dann folgt einer dieser Sätze, die weit über die Malerei hinausreichen:
„Das figurative Gesamtbild ergibt sich erst aus der Distanz.“
Natürlich spricht er über Farbe, Form und Kompositio, aber wir mussten dabei unweigerlich an Angela Merkel selbst denken, dennvielleicht funktioniert Erinnerung genauso. Während ihrer Amtszeit wurde sie kontrovers diskutiert. Heute blicken viele Menschen mit größerem Abstand, und sehr viel Wehmut, auf diese Jahre zurück. Einzelne Ereignisse treten in den Hintergrund, Zusammenhänge werden sichtbar und langsam entsteht ein Gesamtbild.
Vielleicht gilt genau deshalb auch für Geschichte, was Queyras über Malerei sagt: Man erkennt sie erst aus der Distanz. Zum Abschluss unseres Gesprächs fragten wir ihn, wie es sich anfühlt, ein Bild zu malen, das vermutlich noch in hundert oder hundertfünfzig Jahren betrachtet werden wird und seine Antwort bringt für uns den Kern dieses Porträts auf den Punkt:
„Ich habe mir überlegt, wie ich das Bild so malen kann, dass selbst in 150 Jahren ein Betrachter oder eine Betrachterin auf das Bild schauen kann und dadurch vielleicht ein Gefühl dafür bekommt, wer Angela Merkel war.“
Jérémie Queyras: Angela Merkel, 2026, Bode-Museum Berlin. Photo: Colette Conrad.
Vielleicht ist das die eigentliche Aufgabe offizieller Porträts. Nicht eine berühmte Geste festzuhalten, nicht eine politische Debatte, sondern etwas viel Schwierigeres ist. In einer Zeit von Künstlicher Intelligenz, Deepfakes und einer ungebändigten Bilderflut einen Menschen so zu malen, dass auch diejenigen, die ihn nie erlebt haben, noch eine Ahnung davon bekommen, wer er gewesen ist.
Wir bedanken uns herzlich bei Jérémie Queyras für das offene Gespräch und die spannenden Einblicke in seinen Arbeitsprozess. Seine Antworten zeigen, dass hinter jedem Pinselstrich nicht nur handwerkliches Können, sondern auch intensive Auseinandersetzung, Zeit und ein tiefes Verständnis für die Geschichte der Porträtmalerei stehen. Wir sind gespannt, wie dieses Bild in den kommenden Jahrzehnten gelesen werden wird, denn vielleicht verändert sich nicht nur unser Blick auf Angela Merkel, sondern auch auf das Porträt selbst.
Jeremie Queyras by VIVACISSIMO Festival